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Nov 19 2018

Montag, 19.11.

 

Picasso wäre nicht zufrieden. Ich bin es schon. Das zweite Hämatom ist kaum zu sehen. Und die Vene ist auch zufrieden. Heute sitzt die zweite Nadel weiter hinten und alles ist gut. Daisy macht ihre Arbeit und ist natürlich auch zufrieden. Wir haben uns aneinander gewöhnt, haben miteinander ein gemeinsames Leben, eine gemeinsame Zukunft begonnen. Ist fast wie eine Ehe...

Also starten wir in den Tag. UF-Ziel 500, Blutfluss 250, Arteriendruck -75, Venendruck 120, Frühstück Salamibrötchen. Alles bestens.

 

„Über den Wolken... muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Sorgen, alle Ängste, sagt man...“

Wer kann das Gefühl beschreiben, wie es dich beim Start in den Sitz drückt, wie es ist, wenn der Vogel abhebt und nach oben steigt, und was du empfindest, die Wolken dann tatsächlich von oben zu sehen? Zehntausend Meter unter dir dann die Welt, die tatsächlich nichtig und klein, heil und in Ordnung erscheint, Das kann nur der nachempfinden, der schon mal geflogen ist.

 

„Ich weiß, wie es ist, blind zu sein, ich war schon mal in einem Blindenrestaurant. Dort ist alles stockfinster und du musst alles nur ertasten.“ Oder du bindest dir die Augen zu und versuchst für ein paar Momente, dich in deinem Umfeld zurecht zu finden.

Doch mal blind zu SPIELEN ist Lichtjahre davon entfernt, unwiderruflich und endgültig für den Rest deines Lebens in absoluter Dunkelheit zu SEIN. Das kann kein Außenstehender wirklich nachempfinden.

 

„Herzliches Beileid“ beteuern dir die Leute, wenn du einen lieben Angehörigen verloren hast. Doch können die das überhaupt? Oder sind das nur leere Worthülsen, leere, hilflose Floskeln? Wie hab ich das gehasst am Grab meiner Mutter, das hören zu müssen. Es war eher beleidigend als tröstend. So hab ich das schon damals als 17-jähriger empfunden. Aber woher sollen die anderen das auch wissen. Mir ging es ja genauso. Was soll man fühlen, wenn jemand einen lieben Menschen verliert?

Anders dagegen ist es, wenn es dich selbst betrifft. Wenn deine Tochter, drei Monate alt, in die Klinik eingewiesen wird wegen eines starken Schnupfens und du am nächsten Morgen erfährst, dass sie ins Koma gefallen ist, weil die Diagnose nun Meningitis lautet. Acht lange Wochen lebst du in einer bangen Ungewissheit, die Ärzte geben dir keine Hoffnung, weil es hier eben keine gibt. Du hast Zeit genug, dich auf das Unvermeidliche vorzubereiten, malst dir aus, wie du es verarbeitest, wie du fühlen wirst und und und...

Bis dann eines nachts der Anruf aus der Klinik kommt: „Ihre Tochter ist soeben verstorben.“

JETZT, genau in diesem Moment und keine Sekunde früher, weißt du WIE der Schmerz sich anfühlt, WIE das Schwert durch die Seele schneidet, WIE dein Herz blutet. Und erst ab jetzt kannst du einigermaßen nachfühlen, wie andere in einer ähnlichen Situation fühlen und kannst ihnen vielleicht ein wenig Trost geben. Weil es sich auch nach über zwanzig Jahren manchmal so anfühlt, als wäre es erst letzte Woche gewesen...

 

Warum schreib ich das alles? Ich hatte am Wochenende viel Zeit zum Nachdenken. Gedanken und Gefühle sind wie Ameisen. Zu tausenden wimmeln sie wie wild scheinbar wirr durcheinander. Und doch läuft alles geordnet ab, eins greift ins andere, alles zusammen ergibt einen Sinn und ist für die ganze Kolonie überlebensnotwendig. Bis dir eine auffällt, die ein besonders großes Blatt trägt, oder die sich besonders anstrengt auf dem Weg in den Bau. Die beobachtest du dann genauer.

 

Mit der Dialyse ist es wie mit dem Fliegen und den anderen Beispielen. In der kurzen Zeit meiner Abhängigkeit von Daisy habe ich Folgendes beobachtet:

Es gibt verschiedene Gruppen von Menschen in deinem Umfeld, die verschieden reagieren auf deine Situation.

Manche versuchen, das Ganze zu verdrängen, so, als wäre es eine ansteckende Seuche. Sie reden es klein und geben dir “wertvolle“ Ratschläge, wie du das meistern kannst. „Seh es positiv, ist nicht so schlimm, mach das Beste draus, wird schon wieder, alles renkt sich ein.“ Blablabla.

Dann sind da die Gleichgültigen. Die wenden sich ganz schnell wieder ihren eigenen Problemen zu. Können mit der Situation nichts anfangen.

Woher sollen sie es auch wissen, was es bedeutet, dialysepflichtig zu sein.

Dann sind da aber noch die, die es wissen und verstehen WOLLEN. Die dir zuhören, Fragen stellen. Und die auch mal deine Hand in ihre nehmen und anteilvoll drücken, ohne Ratschläge zu geben.

Dialyse ist wie ein Exklusivclub, wie eine Geheim-Loge. Nur die absoluten Insider, wissen, was wirklich abgeht, wo der Hammer hängt. Alle anderen haben keine Ahnung.

Wenn ich morgens in die Klinik komme, liegen da schon sieben Patienten auf ihren Plätzen. Keinem von denen muss ich erklären, was ich fühle, was ich am Wochenende alles wie nebenbei beachten und abwägen musste, welche unsichtbaren Einschränkungen ich hinnehmen musste, welche Gedanken mich bewegen und so weiter. Und umgekehrt. Alle haben sie mindestens eine Nadel im Arm, liegen und warten, fühlen und empfinden wie ich auch.

Die dieser Gruppe am Nächsten stehen, sind wohl die Schwestern. Viele von ihnen arbeiten schon Jahre oder Jahrzehnte buchstäblich hautnah mit den Patienten zusammen, kennen oft deren Leben und viele Geschichten, die das Leben schreibt - und doch - sind sie noch ein ganzes Stück „draußen“.

 

Wenn du das heute liest und zu denen gehörst, die es nicht betrifft, dann sei vorsichtig. Und wenn du nicht WIRKLICH verstehen möchtest, sei zurückhaltend und still. Spar dir kluge Ratschläge, rede nicht wie ein Blinder von der Farbe oder wie ein Fisch vom Fahrrad fahren. Dein Schweigen hilft mehr als sinnlose Worte.

 

Und wenn du zu der „Geheim-Loge“ gehörst, hab Geduld mit denen draußen. Sie wissen und kennen und können es nicht anders. Halte dich zu denen, die dich verstehen WOLLEN und die dir mit ihrer echten  Anteilnahme eine wohltuende Hilfe sind.

 

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