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Nov 12 2018

Montag, 12.11.

 

Heute ist der Arm ziemlich „bunt“. Picasso wäre neidisch. Sieht ein bisschen aus wie in den Forensik-Serien die Totenflecken... Aber keine Bange, ich lebe noch und mir geht es gut. Der einzige Unterschied, auch zur Freitag-Dialyse, ist der, dass ich nur eine Nadel bekomme Stört mich aber überhaupt nicht. Die Schwestern möchten kein Risiko eingehen, Die sind einfach Spitze hier. Alles läuft mit Bedacht, Vorsicht und doch mit großer Sicherheit und Ruhe, Voraussicht, doppelter Kontrolle, „Vier-Augen-Kontrolle“ nennen Sie es.

Das Wochenende verlief ruhig. Wie geht es mir außerhalb der Dialyse? Wie fühlt man sich nach drei Wochen Blutwäsche? Kurzer Rückblick:

Die Krankheit „Niereninsuffizienz“, also Nierenversagen, ist ziemlich gemein. Wenn sie nicht plötzlich auftaucht, wie etwa bei Unfällen, kann sie sich über Jahre breit machen, ohne dass man etwas davon bemerkt. Sie verläuft schleichend, wie ein Tiger, der sich an die Beute anschleicht und dann plötzlich zuschlägt. Sie krankt langsam vor sich hin und verursacht keine Schmerzen und keine Beschwerden. Du merkst nichts davon. Selbst bei 0815-Untersuchungen vom Hausarzt kann sie unentdeckt bleiben. So war es bei mir. Bis mein Hausarzt doch skeptisch wird und er mich ins Dialysezentrum überweist zur genaueren Untersuchung. Dort wird dann festgestellt: Meine Nieren arbeiten nur noch zu 50%. Aha. Was kann man dagegen tun? Nichts. Fast nichts. Gesunde Lebensweise, wenig Alkohol (besser: gar keinen), kein Nikotin, abwechslungsreiche Ernährung, wenig Fertigprodukte, wenig Salz, ausreichend Bewegung. Damit kann man es VERLANGSAMEN, nicht stoppen, aber gut einige wertvolle Jahre gewinnen.

Bei mir waren es rund neun Jahre, seit damals. Vor drei Jahren hatte ich den Eindruck, ich sollte erneut zur Untersuchung. Ergebnis: Nierenleistung noch ca. 30%. Ab jetzt folgt eine engmaschigere Kontrolle. Jedes halbe Jahr, dann alle drei Monate, dann alle 8 Wochen. In diesen drei Jahren sinkt die Leistung auf etwa 15%. Eindeutige Ansage. In diesen drei Jahren kann ich mich je länger, je intensiver auf das Unvermeidliche vorbereiten.

Erst etwa im letzten Jahr machen sich Symptome der Krankheit bemerkbar. Erst kaum wahrzunehmen, dann immer mehr und immer intensiver:

Müdigkeit. Du weißt nicht, woher sie kommt. Du schläfst genug und recht gut und trotzdem stellt sich immer mehr das Gefühl ein, du hättest nicht genug geschlafen. Dadurch bist du auch nicht mehr so agil wie früher. Anfangs denkst du noch: Hey, alter Junge, du bist keine 30 mehr, das ist normal in deinem Alter. Ist es nicht...

Mit der Müdigkeit Hand in Hand, so als wären sie dicke Kumpels, kommt zunehmende Lustlosigkeit und fehlender innerer Antrieb. Du musst dich immer mehr zu deinen Aufgaben zwingen  und auch in deiner Freizeit hängst du lieber faul rum, statt etwas aktives zu unternehmen.

Atemnot. Beim Treppensteigen, bergauf laufen und körperlich anstrengenden Arbeiten. Also auch nicht unbedingt nur eine Alterserscheinung.

Der Appetit lässt nach. Früher bist du an keiner Bratwurstbude schadlos vorbei gekommen, hättest lieber zwei Steaks gegessen statt nur eins und dafür auf Kartoffeln und Gemüse verzichtet, dir läuft allein schon beim Kochbuch lesen das Wasser im Mund zusammen bis kurz vor dem Ertrinken. Essen mein Leben. Und dann verliert sich das mit der Zeit immer mehr. Zum Schluss ißt du nur noch, weil du überhaupt was essen musst. Das war übrigens für mich das traurigste Symptom...

In der Zeit kurz vor der Dialyse wandelt sich die Müdigkeit mehr und mehr in Erschöpfung. Du stehst morgens auf, ziehst dich an, gehst in die Küche - und hast den Wunsch, dich wieder hinzulegen und noch paar Stunden zu schlafen. Der ganze Tagesablauf ist von diesem Verlangen geprägt.

Dann die Wende. Ist der Nierenwert bei ca. 15-10%, ist der Dialysestart unausweichlich. Du fühlst dich inzwischen auch echt besch... eiden...

Klinik. Mit lokaler Anästesie (örtlicher Betäubung) wird der Shunt gesetzt. War höchst interessant. Du fühlst das Skalpell und die Nähnadel und wie sie in deinem Handgelenk wühlen, merkst aber keinerlei Schmerz. Schade, dass ich nicht zuschauen durfte. Das OP-Tuch über dem Kopf war Pflicht.

Sechs Wochen später dann der erste Besuch bei Daisy.

 

Und heute, nach drei Wochen?

Es geht mir besser. Treppensteigen, Appetit, innerer Antrieb, besserer Schlaf, das allgemeine Wohlbefinden, alles wird spürbar besser. Langsam zwar aber permanent. Was sich im Laufe von 10 Jahren angesammelt hat, wird nicht in drei Wochen ausgespült. 

Was noch veränderungswürdig ist? Die Müdigkeit. Und dass ich noch nicht wieder Bäume ausreißen kann.

 

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